DSC01066Ein Reisebericht von Stefanie Söchtig

Es ist schon viele Jahre her, als ich nach meiner Rückkehr aus einem ausländischen Tierheim zuhause an meinem Rechner saß und meinen ersten Reisebericht schrieb.

Schon damals war es nicht leicht, in Worte zu fassen was ich erlebt hatte.

Und auch jetzt sitze ich hier und versuche, meine Gedanken zu ordnen.
Noch sind nicht alle Eindrücke verarbeitet und das wird sicher auch noch eine Weile dauern.

Dennoch möchte ich versuchen, sie in Worte zu fassen und Euch an unserem „Abenteuer Russland“ teilhaben lassen.

Von Anfang: Kurz nachdem wir begonnen haben, uns für die Hunde im Shelter „Kozhuhovo“ zu engagieren, war mir bereits klar, dass ich all das, was unsere russischen Freunde berichten, mit eigenen Augen sehen muss.

Ich glaube, die Betreuer im Shelter haben bis zuletzt daran gezweifelt, dass ich mein Versprechen zu kommen auch tatsächlich halte.
Um so größer war die Freude, als ich die Buchungsbestätigung für unseren Flug schicken konnte.

Je näher der Termin rückte, desto aufgeregter wurde ich.

Natürlich war mir klar, was mich erwartet: ein riesiges Shelter mit über 2500 Hunden.
Aber zu wissen, was man sehen wird heißt ja noch nicht, es auch zu begreifen.

Dieses Tierheim hat eine Dimension, die man sich nicht wirklich vorstellen kann, wenn man es noch nicht erlebt hat.

Am Freitag den 22.1. war es endlich soweit: Nora und ich starteten früh am Morgen zusammen mit Bernd und Justus, die uns begleiten wollten. Bernds Familie hat bereits 2 Oldies

aus dem Shelter „Kozhuhovo“ adoptiert und sie wollten unbedingt sehen, wo ihre Lieblinge herkommen.

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Die Reise verlief weitestgehend problemlos und wir waren froh, als wir dann endlich bei Katya in Moskau ankamen. Bei ihr sollten wir die erste Nacht verbringen, bevor es dann am nächsten Tag ins Shelter ging.

Die Aufregung war groß, als wir am Samstag gegen Mittag dort ankamen. Nachdem wir uns alle bei der Toraufsicht in eine Anwesenheitsliste eingetragen hatten, begannen wir mit unserem Rundgang.

Der Weg zum Hauptgebäude führte uns bereits an den Zwingerreihen des A-Sektors entlang und wir bekamen einen ersten Eindruck davon, wie die Hunde hier untergebracht sind. Es herrschte bereits hier vorne ein ohrenbetäubender Lärm.

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Katya hatte Alles so organisiert, dass wir auch wirklich Alles anschauen durften. Normalerweise ist die Quarantänestation und auch die Krankenstation für Besucher tabu. Wir durften hinein und genau dort begann unser Rundgang.

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Hier begegneten wir Taissen. Er ist herrenlos gefunden worden. Rassetypisch wurden ihm sowohl die Rute, als auch die Ohren abgeschnitten.
Durch Aushänge und Aufrufe im Internet konnte sein Besitzer gefunden werden, der zunächst auch versprach, seinen Hund wieder abzuholen.
Nur einen Tag später meldete er sich und verkündetet, er wolle Taissen nun doch nicht zurück haben.DSC01025

Als Kaukase und in seinem Alter bedeutet das Shelter für ihn die Endstation.

Taissen genoss es sichtlich, gleich von mehreren Händen gestreichelt zu werden. Er ist einfach nur lieb und freundlich.

Auch die anderen „Beobachtungszwinger waren besetzt. Hier verbringen alle Hunde nach einer Kastration oder anderen OP ein paar Tage im Warmen, damit sie unter Kontrolle sind.

Wir erfuhren übrigens, dass noch vor wenigen Jahren, als dem Shelter noch ein anderes Management vor stand, die Hunde ohne vernünftige Narkose kastriert wurden. Sie wurden lediglich sediert, waren somit bewegungsunfähig und mussten so die Kastration über sich ergehen lassen.
Es ist unvorstellbar, was diese armen Geschöpfe für Leid und Schmerz ertragen mussten.

Die Krankenstation ist nicht riesig und auch nicht besonders luxuriös, aber sie ist sauber und wird ordentlich geführt. Verschmutze Zwinger und Käfige werden umgehend gereinigt und die Hunde und Katzen liebevoll versorgt

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Wir gingen weiter, um die Quarantäne, die Isolationszwinger und natürlich das Hospiz zu besuchen.

Winzig kleine Quarantänezwinger, die meisten von ihnen besetzt. Hier müssen die Hunde die ersten 4 Wochen im Shelter verbringen, bis sie kastriert und geimpft sind und ins Shelter übersiedeln.

Aus vielen Zwingern blickten uns Welpenaugen entgegen. Einige versuchten sofort, am Gitter hoch zu springen und bettelten um Aufmerksamkeit. Andere waren ängstlich und verstört und verschwanden sofort in ihrer Hütte.DSC01066

Ein alter Schäferhund war völlig aufgeregt und bellte und jaulte, als er uns bemerkte.
Er ist ein Fundtier. Seine Besitzerin ist gestorben und ihr treuer Begleiter verbrachte eine ganze Woche neben seinem toten Frauchen, bis man ihre Leiche fand.

Der arme Kerl ist im Shelter völlig überfordert und doch wird er sich damit arrangieren müssen.
Seine Chancen auf eine Adoption sind in Russland gleich null. Obwohl er so menschenbezogen und freundlich ist.

Video Schäfi

In den Isolationszwingern sind aktuell Hunde untergebracht, die täglich Medikamente benötigen. Es sind nur wenige Zwinger dort, auch sie sind sehr klein.

Dann das Hospiz: es gibt drei kleine Räume, in denen sehr alte und/oder sehr kranke Hunde leben, die in einem der Außenzwinger nicht mehr überleben würden.

Dort trafen wir unter Anderem Elka:

Elka

Elka ist sehr alt. Sie hätte draußen im Zwinger keine Überlebenschancen mehr.

Und auch Zara lebt in einem der drei kleinen Hospizräume:

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Zara ist geschätzte 12 Jahre alt. Nach einer Rhinitis, die zunächst erfolgreich behandelt werden konnte, hat sich auf Zara´s Nase ein Tumor gebildet, der leider inoperabel ist.

Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird Zara in diesem kleinen Raum im Shelter irgendwann einfach sterben.

Wir verließen das Hozpiz mit sehr gemischten Gefühlen.

Nun sollten wir uns die einzelnen Sektoren anschauen und begannen damit im Sektor B. Katya führte uns durch die vielen Zwingerreihen und zeigte uns einzelne Hunde.
Ohrenbetäubender Lärm begleitete uns.
Viele Hunde sprangen vor Aufregung am Gitter hoch und bellten aus Leibeskräften. Viele bettelten um Aufmerksamkeit und waren sofort still, wenn wir an die Zwinger traten. Dann drängten sie sich dicht heran und wollten gestreichelt werden.

Andere bellten aus Angst und Unsicherheit und verschwanden sofort in ihren Holzkisten, wenn wir näher kamen. Und wieder Andere hockten ganz still und mit traurigem Blick in einer Ecke- wohl wissend, dass sich die ganze Mühe für sie doch nicht lohnen wird.

Eine von ihnen war Volna:IMG 1787

Als ich sie entdeckte, hockte sie mit gesenktem Kopf in dieser Zwingerecke und blickte erst auf, als sie bemerkte, dass ich mich ihr zu gewand hatte und ein Foto machen wollte.

Ihr trauriger Blick traf mich bis ins Mark.
Es scheint, als wüsste sie genau, dass ihr Schicksal besiegelt ist. Sie hat sich damit abgefunden, dass die Menschen an ihr vorbei gehen.

Und auch ich war nun Eine von Denen, die weiter gehen und sie in ihrem winzigen Zwinger zurück lassen.

Im Auslauf des B-Sektors, den wir kurz darauf betreten durften, waren geschätzte 60 Hunde gleichzeitig. Auf den Fotos sehen diese Ausläufe relativ groß aus. Wenn man dann aber dort steht, erkennt man, wie klein sie eigentlich sind und wenn dann noch so viele Hunde gleichzeitig dann laufen, wirken sie noch kleiner.

Aber sie sind die einzige Möglichkeit für die Hunde, sich die Beine zu vertreten.

Schnell waren wir umringt von Hunden, als wir eintraten. Die meisten kamen neugierig auf uns zu, beschnupperten die für sie fremden Menschen und bettelten um Zuwendung und Streicheleinheiten.

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Hier traf ich Kendi. Und gab es dann für mich einen Moment, in dem ich meine Fassung verlor.
Als ich mich hinhockte und diese sanfte und freundliche Hündin sich an mich drückte, machte sich ein dicker Kloß in meinem Hals breit und ich konnte nicht verhindern, dass mir die tränen in die Augen schossen.Kendi

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Kendi ist nicht mehr die Jüngste und sie sieht aus, wie viele ihrer Leidensgenossen im Shelter aussehen. Sie hat dort keinerlei Chancen auf Vermittlung.
Bevor wir den Auslauf wieder verlassen haben, hab ich ihr versprochen, ein schönes Zuhause für sie zu finden. Und ich hoffe von ganzem herzen, dass ich mein Versprechen einhalten kann.
http://tierschutz-miteinander.de/index.php/vermittlung/hunde/senioren/499-kendi

In jedem Sektor warteten die Betreuer auf uns uns, führten uns durch die langen Zwingerreihen. Sie zeigten uns einige Hunde, die wir bereits den Fotos her kannten, holten sie aus ihren Zwingern, damit wir sie begrüßen konnten.

Wir sahen Jack, Khaki, Motya und Bim, Jenny und Britney, Malta, Surik, Lou, Mia, Sonya, Teddy und viele mehr.
Und natürlich wahnsinnig viele Hunde, die wir noch nicht kannten. Wunderschöne Hunde, die Alle ein gemeinsames Schicksal teilen: sie sind eingesperrt auf kleinstem Raum.

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Sektor D war die letzte Station auf unserem Rundgang und wir wurden bereits von Tatyana erwartet.
Nora wollte unbedingt Teddy kennen lernen und Tatyana erfüllte ihren Wunsch und ließ Teddy mit seinen Zwinger-Gefährten zusammen in den Auslauf des Sektors.
Tatyana ließ uns dann erst gehen, nachdem sie uns einen ganz besonderen Hund vorgestellt hatte.
Es war Fima.

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Fima wurde 2013 von den Betreuern entdeckt. So lange war es ihm gelungen, sich vor ihnen zu verstecken.
Der arme Kerl hat, wie sich heraus stellte, einen gebrochenen Wirbel und kann nicht mehr normal laufen.
Zwar hat er keine Schmerzen mehr, aber er hat auch definitiv nicht genug Bewegung.

Fima hat in Russland absolut keine Chance adoptiert zu werden.
Tatyana hat uns für ihren Schützling um Hilfe gebeten und wir hoffen sehr, dass es uns gelingt, für diese geschundenen Seele ein Zuhause zu finden.

Irgendwann kommt der Punkt, wo man den einzelnen Hund zwischen all den Anderen nicht mehr sieht. Es sind einfach zu viele und man steht fast ohnmächtig dort, umgeben von ohrenbetäubendem Lärm und mit dem Wissen, dass man sie nicht Alle retten kann.

Dennoch: wenn man dieses Shelter mit eigenen Augen gesehen hat, ist es unmöglich, sich einfach um zu drehen und zu gehen.

Wenn wir auch nur wenigen Hunden helfen können und für ein paar von ihnen ein schönes Zuhause finden- für diese Hunde verändert sich ihr ganzes Leben. Und es lohnt sich für jedes einzelne Leben!

Ich bewundere die Menschen, die jede freie Minute ehrenamtlich in dieses Shelter gehen und ihr Bestes geben, um den Hunden dort das Leben ein kleines bisschen erträglicher zu machen.

Jeder einzelne Betreuer gibt sein Bestes, um seinen Schützlingen eine Stimme zu geben, sie auf die Welt außerhalb des Shelters vor zu bereiten und ein schönes Zuhause für sie zu finden.

Sie kümmern sich liebevoll um jeden Einzelnen, bemühen sich um die Alten und Kranken, die oft ohne ihr Engagement keine Überlebenschancen hätten.

Gegen Abend verließen wir das Shelter. Erschöpft und auch ein wenig traurig gingen wir ein letztes Mal an den langen Zwingerreihen vorbei und ich denke, ich spreche nicht nur für mich, sondern auch für Nora, wenn ich sage: wir kommen wieder.

Unser einziger Trost war, dass wir nicht mit leeren Händen nach Deutschland zurückfliegen würden, denn wir durften die beiden Oldies Chiba und Dusik mitnehmen, die ein Zuhause gefunden haben.

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Es war unser erster Besuch im Shelter „Kozhuhovo“ und es wird nicht der Letzte gewesen sein.
Und wir werden weiter Alles dafür tun, um den Hunden im Shelter eine Stimme zu geben.

An dieser Stelle möchte ich mich nun bei allen Betreuern bedanken, die uns so freundlich empfangen und sich sehr um uns bemüht haben.
Danke an Katya, Elena und ihren Mann für die Aufnahme und Gastfreundschaft, die ihr uns entgegen gebracht habt.
Wir haben uns sehr wohl gefühlt bei Euch.
Ihr seid Freunde für uns geworden!

Ich sitze jetzt hier im Warmen vor meinem Rechner und lese meine Zeilen. Um mich herum meine Hunde, darunter auch 2 aus diesem Shelter.
Diese Beiden haben es geschafft und konnten dem Shelter den Rücken kehren und sie danken es mit tiefer Zuneigung.
Und meine Gedanken sind im Shelter „Kozhuhovo“ bei all den Hunden, die jetzt bei -13 Grad in ihren winzigen Zwingern ums Überleben kämpfen.

Damit möchte ich meinen Bericht schließen und mit einem Versprechen: ich werde wieder nach Russland fliegen und zusammen mit meinem wunderbaren Team den Vergessenen des Shelters eine Stimme und eine Plattform geben.

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Alle Video´s vom Shelter finden Sie hier...